von Joachim Lorenz, Karlstein a. Main
typisches Spessart-Glas als Becher mit Flügel-Nuppen und Zierstreif
(Replik)
Historisches:
Glas als Gebrauchsgegenstand war früher teuer und dementsprechend
selten. Die Herstellung ist schwierig, einmal wegen der dazu verwandten
Rohstoffe und wegen des enormen Energiebedarfes. Dieser wurde ausschließlich
aus dem Holz gedeckt. Das Glasmacherhandwerk hatte enorme wirtschaftliche
Bedeutung und einen hohen sozialen Stand. Man übertrug das Wissen über
Generationen in den Familien.
Nachbau der Wenzel´schen Glashütte in Rechtenbach bei Lohr
(an der B26)
Überall im Spessart ließen sich Glashütten (z. B. Einsiedel, Emmerichsthal, Kahl (heute Großkahl), Weibersbrunn, Rechtenbach, Schöllkrippen, ...) nachweisen, die vom 13. Jahrhundert bis in die Moderne alle nur denkbaren Sorten an Gläser herstellten:
Alembik, Apothekenflasche, Aräometer, Becher, Bierbecher,
Bierkrug, Bierrömer, Blumenampel, Bockbecher, Bocksbeutel, Bordeuaxflasche,
Branntweinbecher, Brustglas, Burgunderflasche, Butzenscheibe, Conditorpokal,
Conditorvase, Dachziegel, Deckelbecher, Dickmilchschüssel,
Eindunstflaschen, Feldflasche, Flasche, Fliegenglas,
Freimaurer, Fußbecher, Fußschale, Futtertrögchen, Gartenkugel,
Glassturz, Glättgerät, Grablampe, Hekelbecher, Henkelflasche,
Henkelvase, Humpen, Jagdpokal, Kaffetasse, Kännchen, Kanne, Käseglocke,
Kelch, Kelch, Kerzengießmodel, Kerzenleuchter, Kindermilchflasche,
Klech, Kleiderhaken, Kropfhalsflasche, Krug, Lampenschirm, Lichtkugel, Meßkännchen,
Messzylinder, Mineralwasserflasche, Mondglas, Mostbecher, Nachttopf, Öllampe,
Öllampenschirm, Pokal, Probbouteille, Pulverflasche, Retorte, Rheinweinflasche,
Römer, Sackflasche, Schießkugel, Schröpfkopf, Schusterkugel,
Schwimmdochtlampe, Seifenschale, Sektflöte, Spiegel, Stangenbecher,
Teller, Tintenfass, Trinkstiefel, Trüffelflasche, Tulpenkelch, Untersetzer,
Urinflasche, Vase, Vogeltränke, Vorratsflasche,
Warmbierhumpen, Waschschüssel, Wasserbaraometer,
Wasserkaraffe, Weihwassergefäß, Weinheber, Weinkaraffe, Windlicht,
Zierkugel, Zukerhafen, ....*
Das sehr sehenswerte Spessart-Museum in Lohr mit den umfangreichen
Sammlungen zu den Themen: Tonwaren, Glas, Forst, lokale Geschichte und
einem historischen Kaufmannsladen im Eingang mit reichlich Literatur (übrigens
wird in einem Raum die Geschichte von Schneewittchen dargestellt, da man
der Auffassung ist, dass dieses in Lohr lebte!).
Typische Produkte der Glashütten im Spessart (links die berühmten
Spiegel, rechts Flaschen), ausgestellt in der Glasabteilung im Spessart-Museum
in Lohr. Neben historischen Funden werden auch die Rohstoffe, Repliken
und wertvolle Glasprodukte gezeigt (Pokale, Uranglas, ...). In weiteren Ausstellungen
kann die Produktion anschaulich nachvollzogen werden.
Diese empfindlichen - was den Transport angeht - Glasprodukte wurden weit
in Mitteleuropa gehandelt, insbesondere nach Holland. Waren es am Anfang
im 15. Jahrhundert einfachste Prodktionsstätten (Waldglashütten),
so ging die Entwicklung und die Konzentration weiter über die Manufakturen
des 18. Jhdts. bis hin zu den den Fabriken des 19. und 20. Jahrhunderts.
Die Glashütten benötigten zur Herstellung des Glases die bekannten
Rohstoffe:
Quarz (Siliziumdioxid):
Die meisten Glashütten verwandten einfach gewaschenen Sand (aus
dem sehr verbreiteten Buntsandstein) aus den Bächen oder der Umgebung
der Glashütten. Mit dem Sand kam das färbende Eisen in die Glasmasse.
Der Buntsandstein führt zwischen 0,5 und 2,5 Gew.-% Eisenoxid und
dies erzeugt die grüne Farbe der einfachen Gläser. Das Eisenoxid
konnte aus der Schmelze nicht mehr entfernt werden. Später wurde auch
eisenarmer Sand z. B. aus Steinheim bei Hanau oder Wächtersbach bezogen
Kalk (Calciumcarbonat):
Der Kalk kam aus den Muschelkalkgebieten östlich des Spessarts.
Kalk benötigte man nach der Umstellung von Asche auf Pottasche. Ob
auch die am Westrand des Spessarts zu Tage tretenden Zechstein-Kalke und
~Dolomite verwandt wurden, ist nicht bekannt.
Asche (Salze von Kalium, Natrium, Magnesium und Calcium):
Es wurden Aschen aus den Glashütten verwandt, aber auch extra
zubreitet indem man großen Massen an (Buchen-)Holz in Gruben verbrannte
und die Asche gewann. der Beruf ist heute noch als Name Aschenbrenner erhalten.
Und man sammelte aus den Haushalten die Asche der Herde und Öfen -
sie wurden nicht als Dünger angesehen. Auch aus der Saline in Bad Orb
kaufte man die Aschen der Salzsieder zu. Dabei wurde insbesondere das Restholz,
die Wurzeln der Bäume, Äste, Rinde und auch krautige Pflanzen
wie z. B. die auf Lichtungen verbreitet wachsenden Farne, verwandt.
Erst später wurden die Aschen ausgelaugt und zur Pottasche weiter
verarbeitet. Dazu betrieb man eigene Pottaschesiedereien oder es waren
Nebenbetriebe der Glashütten. Es bestand übrigens eine Konkurrenz
zu den Seifensiedern, die ebenfalls Aschen benötigten.
Soda (Natriumcarbonat):
Die Soda wurde für das Herstellen der farblosen Flachgläser
verwandt und aus Spanien bezogen. Diese hatte ausschließlich eine
Bedeutung in den Manufakturen des 18. und 19. Jahrhunderts.
Braunstein (Manganoxide):
Die Manufakturen konnten mit dem aus Sachsen bezogegen Manganoxiden
das Glas "entfärben" ("Glasseife"). In Wirklichkeit ist es kein Entfärben,
sondern ein Überdecken der Farbe durchs Eisenoxid mit der aus dem
Manganoxid, die in dünnen Schichten wenig auffällt. Dabei konnte
nur Pyrolusit verwandt werden, die anderen Manganoxide wir Romanechit, Kryptomelan,
Hollandit usw. eignen sich dafür nicht.
Brennstoffe:
Man verwandte im Spessart bis ins 19. Jahrhundert ausschließlich
Holz (bevorzugt Buchenholz) und davon benötigte man große Mengen,
die aus den Wäldern der Umgebung eingekauft werden mussten. Die Landesherrschaft
verdiente kräftig am Holzverkauf an die Glashütten.
Tone:
Zum Herstellen der sehr temperaturbeständigen Häfen (Töpfe
zum Schmelzen des Glases; daher kommt der Namen Häfner) und der Öfen
musste Ton beschafft werden. Dieser wurde örtlich abgebaut oder auch
z. B. von Klingenberg oder Wächtersbach zugekauft.
Die oben aufgeführten Stoffe wurden zerkleinert und dann gemischt (Gemenge genannt). Dann wurde dies in den Häfen aufgeschmolzen und bis zur Verwendungsfähigkeit geläutert, so dass die Gasblasen nicht zu sehr störten. Da nicht alle im Sand vorkommenden Minerale aufgeschmolzen werden konnten, sind im den alten Gläsern immer kleine Einschlüssen und Gasblasen enthalten. Optische Gläser konnten diese Glashütten im Spessart nicht erzeugen.
Infolge der großen Werthaltigkeit wurde Bruchglas und jegliche Abfälle
wieder verwandt und wieder eingeschmolzen. Auch ist im Spessart das Schleifen
des Glases (Pokale, Glasstücke für Lüster, Spiegel) überliefert.
An nur wenigen Stellen sind die Reste der Öfen der Glashütten
zu sehen,
so z. B. am Kulturrundweg von
Kleinkahl, wo man auf der Glashütte Epstein 1
stehen kann (aufgenommen zur Eröffnung am 05.10.2008)..
*Wenn Sie diese Gegenstände anschauen wollen, dann siehe LOIBL 1995.
Umfangreiche Sammlungen des spessarter Glases finde Sie im Heimtmuseum in
Weibersbrunn, im Spessart-Museum in Lohr und im Glasmuseum in Wertheim.
Das Glasmuseum in Wertheim mit seinen Ausstellungen zum Thema Glas:
Von der Römerzeit bis zu Heutzeit, auch technische Gläser
und moderne
Produkte wie Glasfasern.
Die Spessartglas-Abteilung im Glasmuseum in Wertheim im 1. Stock des
Museums.
Man beachte rechts die Kisten mit Butzenscheiden, in Stroh verpackt
zum Transport.
Weiter sind hier unter Anderem die Glas-Funde der Ziroff-Hütte
ausgestellt.
Heute gibt es noch Betriebe in Lohr und Wertheim die Glas herstellen
oder verarbeiten. Sonst erinnern nur noch Namen (Flur-, Orts, Straßen-
oder Familiennamen) an die einstige Verbreitung des Glases im Spessart.
Ein weiteres Museum mit Glas aus dem Spessart können Sie in Weibersbrunn
anschauen. Hier wurde seit 1998 in einem schlichten Sandsteinbau einer
früheren Schwesternstation ein sehenswertes Heimatmuseum vom Heimat-
und Geschichtsverein Weibersbrunn e. V. (1. Vorsitzender Christian Schreck)
eingerichtet. Dieses besitzt eine größere Glassammlung, die auf
die Gründung der heute nicht mehr vorhandenen Glashütte 1706 und
damit die Gründung des Ortes zurück geht. Von hier stammt das einst
berühmte Mondglas.
Exkurs: Römische Gläser:
Wenn man im Römermuseum (Untere Wallstr. 14) in Obernburg am Main
sich die Gläser anschaut, dann bekommt man Respekt, zu welchen Leistungen
diese Menschen fähig waren, ca. 800 Jahre bevor man im Spessart Glas
erzeugte.
Hier steht in einer Vitrine im 1. Stock eine große Glasurne
aus einem farblosen Glas mit einem eingerollten Rand,
in einer Machart - da kann man nur staunen. Darunter
steht eine Trinkflasche für Kinder.
Die anderen, teils farbigen Gläser und Flaschen zeigen die Kunstfertigkeit
der römischen Glasmacher. Es handelt sich möglicherweise um Importware,
irgendwo aus dem Imperium, gefunden in Obernburg. Hier bestand im 2. Jahrhundert
nach Chr. ein Castell am Liemes.
Literatur:
Gemeinde Weibersbrunn [Hrsg.] (1995): Weibersbrunn in Wort und Bild
Geschichte eines Spessartdorfes.- 516 S., sehr zahlreiche SW-Abb., [Verlagsdruckerei
Schmidt GmbH] Neustandt/Aisch.
GRIMM, Claus, Hrsg. (1984): Glück und Glas Zur Kulturgeschichte
des Spessartglases.- Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte
und Kultur Nr. 2/84, 395 S., zahlreiche auch farb. Abb., [Verlag Kunst &
Antiquitäten] München.
KRIMM, S. (1979): Auf engem Raum in reichem Maß Buchenholz, Sand,
Salz, Ton: Die Rohstoffe für die Erzeugung von Glas im Spessart.- Spessart
Monatsschrift des Spessartbundes Juli 1979, S. 3 - 4, 2 Abb., Aschaffenburg.
KRIMM, S. (1982): Die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen
Glashütten im Spessart.- Veröffentlichungen des Geschichts-
und Kulturvereins Aschaffenburg e. V. Band 18,1, 264 S., 10 Abb., 13 Tab.,
[Verlagsdruckerei Schmidt GmbH] Neustadt a. d. A.
LEIBER, J., CZYGAN, W. & MAUS, H. (1985): Untersuchung zur Chemie
und Herkunft von Spechtern.- S. 87 - 98, 3 Tab., 3 Abb., - in Spechtergläser
Ausstellung im Glasmuseum Wertheim 1986.- 119 S., [Rotadruck] Wertheim.
LOIBL, W. (1988): Vom Pilotprojekt zur Industrieruine Rechtenbach als
Glashüttenort (1686-1791).- S. 6 - 44, 5 Abb., - In Gemeinde Rechtenbach
(1988): Chronik mit Bilddokumentation 300 Jahre Rechtenbach im Spessart.-
304 S., [Offsetdruck G. H. Hoffmann] Gemünden.
LOIBL, W. [Hrsg.] (1996): Asche zu Glas Die Flußmittel
Asche, Pottasche und Soda in fränkischen Glashütten vom 17.
bis zum 19. Jahrhundert.- 282 S., zahlreiche, auch farb. Abb., [Schleunungdruck
GmbH] Marktheidenfeld.
LORENZ, J. (2008a): Schwerspat im Spessart-Glas?- S. 93 – 94, 1 Abb.-
In FLACHENECKER, H., HIMMELSBACH, G. & STEPPUHN, P. (2008): Glashüttenlandschaft
Europa Beiträge zum 3. Internationalen Glassymposium in Heigenbrücken
/ Spessart.- Historische Studien der Universität Würzburg Band
8, 211 S. , ca. 100 Abb., [Verlag Schnell & Steiner GmbH] Regensburg.
LORENZ, J. (2008b): Schwerspat im Spessart-Glas? Ein Beitrag zur Glas-Chemie
und zu den Rohstoffen für die Glasherstellung.- Aschaffenburger Jahrbuch
für Geschichte, Landeskunde und Kunst des Untermaingebietes Bd. 26,
S. 271 – 283, 3 Abb., 3 Tab., Geschichts- und Kunstverein Aschaffenburg.
LORENZ, J. mit Beiträgen von M. OKRUSCH, G. GEYER, J. JUNG,
G. HIMMELSBACH & C. DIETL (2010): Spessartsteine.
Spessartin, Spessartit und Buntsandstein – eine umfassende Geologie
und Mineralogie des Spessarts. Geographische, geologische, petrographische,
mineralogische und bergbaukundliche Einsichten in ein deutsches
Mittelgebirge.- s. S. 736ff.
OKRUSCH, M., GEYER, G. & LORENZ, J. (2011): Spessart.
Geologische Entwicklung und Struktur, Gesteine und Minerale.- 2. Aufl.,
Sammlung Geologischer Führer Band 106, VIII, 368 Seiten, 103
größtenteils farbige Abbildungen, 2 farbige geologische Karten
(43 x 30 cm) [Gebrüder Borntraeger] Stuttgart.
REUSCH, L. & WEISMANTEL, G. (2001): Herrschaften, Bauern und Glasmacher
in Emmerichsthal.- 72 S., 22 Abb., 1 ausklappbare farb. Abb., [Druckerei
Wagner] Zeitlofs-Rupboden. STEPPUHN, P. (2010): Archäologie, Geschichte
und Rekonstruktion der Spessarter Glashütte Epstein I bei Kleinkahl.-
Aschaffenburger Jahrbuch für Geschichte, Landeskunde und Kunst des
Untermaingebietes Band 28, S. 9 – 55, 28 teils farb. Abb., Hrsg. vom
Geschichts- und Kunstverein Aschaffenburg e. V., [VDS – Verlagsdruckerei
Schmidt] Neustadt an der Aisch
TOCHTERMANN, E. (1988): Produktion der Wenzelhütte (1686-1698).-
S. 45 - 52, 26 Abb., - In Gemeinde Rechtenbach (1988): Chronik mit
Bilddokumentation 300 Jahre Rechtenbach im Spessart.- 304 S., [Offsetdruck
G. H. Hoffmann] Gemünden.
WEDEPOHL, K. H. (2003): Glas in Antike und Mittelalter Geschichte eines
Werkstoffes.- 227 S., 77 Abb. davon 32 farbig, 29 Tab., [E. Schweizerbart´sche
Verlagsbuchhandlung] Stuttgart.
In der Glasabteilung im Spessartmuseum in Lohr
gibt es einen gewellten, großen Spiegel, der dem
Fotograf zu unerwartenen Proportionen verhalf.
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