von Joachim Lorenz, Karlstein a. Main
Hier sieht man die sehr steil stehenden, angewitterten Marmorlagen in dem Vorkommen zwischen Schweinheim und Gailbach bei Aschaffenburg. Dieser Marmor wurde hier im 19. und 20. Jahrhundert - auch untertägig - abgebaut. Ein langer, tiefer Steinbruch ist als Zeuge übrig.
Schacht "Heinrich" (ehemaliger, schluchtförmiger Steinbruch im Marmor,
der später untertägig fortgeführt wurde), ca. 700 m SE der
Dümpelsmühle und südlich der Elterhöfe. Zugang über
die Straße von Aschaffenburg-Schweinheim nach Gailbach, gegenüber
einer Bushaltestelle (siehe Okrusch et al. 2011 S. 186, Aufschluss Nr. 76).
Die überwchsenen und kaum mehr erkennbaren Halden befinden sich unmittelbar
an der Straße, am ehemaligen Maschinenhaus, von dem auch nichts mehr
zu sehen ist.. Das Gelände ist sehr stark verwachsen (nach MATTHES &
OKRUSCH war es dies schon 1963!) und ist also nicht ungefährlich, wie
die an der Wand abgebrochenen Felsmassen belegen! Der nördöstliche
Rand des Steinbruches wird als "Biomüllplatz" von den Landwirten genützt.
Im tiefsten Teil rostet und gammelt Hausmüll vor sich hin.
Der Aufschluss ist seit mind. 50 Jahren aufgelassen und sehr stark verwachsen,
aber mit etwas Mühe wegen des dichten Pflanzenwuchses zugänglich.
Das Stollenmundloch ist zugemauert, wurde aber auch aufgebrochen und ist
das Innere bedingt zugänglich. Eine Befahrung der Weitungen zum Sammeln
von Mineralien ist sinnlos, weil das Gestein im Innern auch nicht frisch ist.
Wie aus den Hinterlassenschaften geschlossen werden kann, werden die Höhlungen
temporär von Wohnsitzlosen benützt.
Historie:
Um 1870 begann man den Abbau für die Zellstoff-Fabrik in Aschaffenburg
Damm, die den Kalk für die Papierherstellung verwandte. Man baute
nur nach Bedarf ab.
Erst im Spätsommer des Jahres 1928 übernahm die Fa. Spessart-Industrie
Aschaffenburg den Abbau im Tagebau und gegen Ende des Jahres im Untertagebau.
Die bis zu 200 m langen Strecken wurden ausgebeutet, verfüllt und
dann darüber wieder abgebaut. 1929 traten massive Wasserzuflüsse
auf, für die man weitere Pumpen installieren musste. 1942 war der Wasserzufluss
so groß geworden dass die Pumpen das Wasser nicht mehr sümpfen
konnten. Dies war wohl der wesentliche Grund für das Einstellen des
Bergwerkes.
Mit der Anlage des Kulturrundweges "Marmor, Stein und Spessartit" in Gailbach
wurde im Herbst 2005 der Bewuchs des in Gailbaches "Weißer Steinbruch"
genannten Lokalität entfernt und ein guter Zugang angelegt. Die Einbrüche
und der Schacht wurden dabei gesichert, so dass ein gefahrloser Besuch möglich
ist.
Im Raum Schweiheim - Gailbach - Bessenbach - Klingerhof - Haibach stehen
innerhalb der Schweiheim-Elterhof-Formation (kristalline Schiefer, Amphibolite,
Quarzite, ....) an vielen Stellen Marmore an. Diese werden von wenigen
dm bis max. 20 m mächtig und sind von stark schwankender Zusammensetzung.
Die nicht reinweißen Partien enthalten reichlich silikatische Mineralien
(siehe Bild und Liste unten).
Es handelt sich bei dem Marmor wohl um prävariskische dolomitische
bis kalkige Sedimente (z. B. Korallenriffe), die lagenweise reich an anderen
Bestandteilen waren (Sand, Ton, Mergel, ....). Diese Sedimente (es gibt
sie übrigens auch im Odenwald) wurden während der variskischen
Gebirgsbildung durch Hitze und Druck (Metamorphose) zusammen mit den diese
umgebenden Gesteinen zu den Marmoren und Silikatmarmoren umgewandelt. Dies
ist auch der Grund warum die Marmore aus dem Spessart nicht der üblichen
Vorstellung von Marmor im Sinne der weißen, polierfähigen Gesteine* entsprechen. Eine diesbezügliche
Nutzung als Werksteine gab es wohl auch nicht.
Im Bild oben sieht man ausgesucht weiße Marmore vom Schacht Heinrich
bei Gailbach. Links die rauhe Bruchfläche eines weißen, nahezu
fremdmineralfreien Marmors aus den hier sehr groben Calcit-Körnern
(bis 1 cm), deren glänzende Spaltflächen das "zuckerkörnige"
Gefüge erzeugen. Im Bild rechts sieht man die geschliffen und polierte
Fläche eines Marmors. Hier sind Lagen erkennbar, die unterschiedlich
große Gehalte an anderen Mineralien enthalten und sich deshalb farblich
etwas abheben. Der dunkle Streifen ist eine Störung. Die schwarzen Punkte
sind alterierte Mineralien. Die Außenflächen beider Stücke
sind sehr rauh durch das Anlösen der Karbonate durch das Regenwasser
(Haldenfunde). Die Bildbreite beträgt ca. 25 cm.
Die Marmore aus dem Spessart wurden wohl ausschließlich als Zuschlagstoff
für die chemisch Industrie, für die Papierfabrikation und zur
Herstellung von Steingut im 19. und 20. Jahrhundert abgebaut. Dazu wurde
das Gestein am Ort gebrochen, weshalb in den alten topgraphischen Karten
noch die Schrift "Schotterwerk" am Heinrichschacht bei Gailbach aufgeführt
war. Näheres über den Abbau ist mir nicht bekannt.
In dem ca. 20 cm breiten Marmor-Stück erkennt man die normale, typische
Ausbildung der spessarter Marmore. Helle, Calcit-reiche Partien ohne weitere
Mineralien wechseln mit silikatischen Lagen ab. Die dunklen Punkte sind kleine
Kristalle eines noch nicht sicher bestimmten Silikates (siehe Liste unten),
vielleicht ein Chondrodit.
Viele Mineralien wurden aus den Marmoren in der vorwiegend älteren
Literatur beschrieben. Es handelt sich dabei um die mehr oder minder großen
Einschlüsse in einer Calcit-Matrix, oft nur unter dem Mikroskop im
Dünnschliff erkennbar. Idiomorphe Kristalle sind selten und Drusen kamen
wohl kaum vor. In den älteren Sammlungen deutscher Universitäten
und Istitute finden sich kaum Belegstücke:
Das Foto zeigt eine in den spessarter
Marmoren verbreitete Kluftfüllung aus einem feinfaserigen, leicht gewellten,
weißen Aktinolith von Gailbach. Bildbreite ca. 2 cm Eine sichere
Bestimmung dieser feinfaserigen, wie Asbest aussehenden Minerale (z. B. Aktinolith,
Antigornit, Anthophyllit, Chrysotil, Tremolit) ist ohne größeren
Aufwand nicht möglich.
Infolge der leichten Verwitterung des Marmors und der schlechten Aufschluss-Situation
lassen sich die oben aufgeführten Mineralien kaum mehr auffinden. Der
grösste Teil konnte auch in all den Jahren von mir nicht gefunden und
somit auch nicht überprüft werden. In öffentlichen Sammlungen
wurde kaum Material aus der Betriebszeit hinterlegt.
Der inzwischen weiter verfallene Schurf am Heinrich-Schacht erbringt keine der angeführten Mineralien mehr. Aber Vorsicht - das Steinbruch-ähnliche Gelände wird seit mind. 40 Jahren nicht mehr bebaut. Es ist mit großer Vorsicht zu betreten! Von der Absperrung aus ist jetzt die weiße Wand des Steinbruches sehr schön zu sehen.
Auch die anderen Marmorvorkommen der Region sind nicht besser aufgeschlossen
und es gab weitere untertägig bebaute Stellen (bei Gailbach und am
Klingerhof). Man kann allenfalls noch Marmorbrocken auf Wegen und seltener
bei Bauarbeiten bergen. Da diese kaum durch eine besondere Struktur oder
durch eine auffallende Farbe bestechen oder idiomorphe Kristalle aufweisen,
werden diese auch kaum gesammelt.
*Stichwort Marmor:
Marmor im gesteinskundlichen Sinn sind metamorphe Kalke und Dolomite die
es in der Natur oft in einer rein weißen Form gibt (z. B. die berühmten
Steinbrüche in der Umgebung von Carrara, Oberitalien). Man erkennt sie
am "zuckerkörnigen" Gefüge der Spaltflächen der Calcitkristalle.
Man nutzt aber auch hier nur die besten Partien für die Herstellung
von Marmorprodukten. Je nach der Zusammensetzung des Ausgangsgesteins gibt
es weltweit eine unglaubliche Fülle von Marmoren in fast allen Farben
und mit einer großen Variabiliät der Zusammensetzung.
Aber Industrie und Handwerk der Steingewinnenden und ~verarbeitenden Zunft
bezeichnet nahezu jedes polierfähiges Gestein als "Marmor", meist um
eine Aufwertung zu erfahren (im Gegensatz dazu ist alles andere dann eben
ein "Granit"). So ist der für Fensterbänke und Treppenstufen oft
zu eingebaute "Treuchtlinger Marmor" ein Kalkstein - erkennbar an der Fossilien.
Diese wären nach einer Metamorphose nicht mehr vorhanden. Die heute
hier verwendeten Rohsteine kommen aus der ganzen Welt nach Deutschland und
werden dann meist zu Platten verarbeitet. Je nach Aussehen und Seltenheit
können echte Marmore dann erhebliche Preise erzielen. Der Interessent
wird auf den nächsten Friedhof oder ein Geschäft der (Grab-)steinindustrie
verwiesen. Wem das nicht reicht, dem sei der Besuch der alle zwei Jahre
stattfindenden Messe "stone + tech" in Nürnberg empfohlen.
GÜMBEL, K. W. von (1894): Geologie von Bayern. Geologische Beschreibung
von Bayern.- II. Band, S. 612 ff, mit zahlreichen Zeichnungen und
Profilen im Text und einer Geologische Karte von Bayern als gefaltete Beilage,
[Verl. v. Theodor Fischer] Cassel.
LORENZ, J. mit Beiträgen von M. OKRUSCH, G. GEYER, J. JUNG,
G. HIMMELSBACH & C. DIETL (2010): Spessartsteine.
Spessartin, Spessartit und Buntsandstein – eine umfassende Geologie
und Mineralogie des Spessarts. Geographische, geologische, petrographische,
mineralogische und bergbaukundliche Einsichten in ein deutsches
Mittelgebirge.- s. S. 647ff, 791.
MATTHES, S. & OKRUSCH, M. (1965): Spessart.- Sammlung Geologischer
Führer Band 44, S. 123 f, Berlin.
MOSEBACH, R. (1934): Die körnigen Kalke von Auerbach-Hochstädten
a. d. Bergstraße und der Umgegend von Aschaffenburg.- Senckenbergiana,
Bd. 16, Nr. 4/6, S. 175 - 188, Frankfurt.
MOSEBACH, R. (1934): Die kontaktmetamorphen Kalke des kristallinen Spessarts.-
Chemie der Erde 8, S. 622 - 662, 8 Abb., [Verlag v. G. FISCHER] Jena.
NEUBAUER, D. & REISS, W. (1967): Mineralien aus dem Spessart.- Der
Aufschluss 18, S. 215 - 218, Heidelberg.
OKRUSCH, M., GEYER, G. & LORENZ, J. (2011): Spessart.
Geologische Entwicklung und Struktur, Gesteine und Minerale.- 2. Aufl.,
Sammlung Geologischer Führer Band 106, VIII, 368 Seiten, 103
größtenteils farbige Abbildungen, 2 farbige geologische Karten
(43 x 30 cm) [Gebrüder Borntraeger] Stuttgart.
WEINELT, W. (1962): Erläuterungen zur Geologischen Karte von Bayern
1:25000 Blatt Nr. 6021 Haibach.- S. 35 ff, S. 194, München.
WEINIG, H., DOBNER, A., LAGALLY, U., STEPHAN, W., STREIT, R. & WEINELT,
W. (1984): Oberflächennahe mineralische Rohstoffe von Bayern Lagerstätten
und Hauptverbreitungsgebiete der Steine und Erden.- Geologica Bavarica 86,
S. 101 - 102, [Bayerisches Geologisches Landesamt] München.
Zurück zur Homepage
oder zum Anfang der Seite