Über einen Rest von echtem Kalk im Spessart.
 
 

von Joachim Lorenz, Karlstein a. Main

Am südöstlichsten Zipfel des Spessarts liegt als kahle Höhe der unscheinbare Bocksberg.

Bocksberg
Der Bocksberg bei Unterwittbach

Steinbruchsohle
Hier wurde in einem weitläufigen und sehr flachen Steinbruch Kalk abgebaut.



Lage:
Ehemaliger, weitläufiger und flacher Kalksteinbruch (Unterer Wellenkalk über dem Grenzgelbkalk) auf dem Bocksberg NE Unterwittbach (TK 6123 Marktheidenfeld, R 4080 H 1890, siehe Okrusch et al. 2011, S. 275, Aufschluss Nr. 254). Auf der Straße Kreuzwertheim-Marktheidenfeld bis zur Abzweigung nach Oberwittbach (zwischen km 7 und 6), dort nach rechts in Richtung SE zu der flachen, ausgedehnten Bruchanlage.
Der Steinbruch mit den sehr wenigen Felsen ist sicher sein 1980 oder früher aufgelassen und teilweise verfüllt. Das Geläde ist inzwischen mit einer typischen Kalkflora verwachsen und als Naturdenkmal geschützt. Es wurde dort ein Hochbehälter für die öffentliche Wasserversorgung errichtet. Die beginnende, krautige und sehr kümmerliche Vegetation zeichnet auf der ebenen Bruchsohle das Kluftnetz nach. Auf den wenigen mineralisierten Kluftflächen kann man etwas Calcit erkennen; stellenweise ist auch erdiger Goethit zu finden.

Kalkfelsen
Einer der wenigen noch sichtbaren Felsen von ca. 2 m Höhe

Geologie:
Bei dem grauen, bröckeligen Kalk handelt es sich um ein Sediment des Muschelkalkmeeres, welches vor ca. 240 bis 232 Millionen Jahren hier über dem Spessart lag.
Es überflutete nach der Ablagerung des Buntsandsteines weite Teile des heutigen Deutschlands. Die Ablagerungen beginnen über den obersten (jüngsten) Schichten des Buntsandsteins mit einer auffälligen, gelblichen, harten Lage aus Kalk ("Grenzgelbkalk", die man nicht im Steinbruch selbst, sondern nur auf den umliegenden Feldern als Lesesteine finden kann). Darauf folgen dünne, merkwürdig wellig aussehende Schichten des Unteren Wellenkalkes (treffender Name!). Diese sondern sehr leicht plattig ab und bilden kam dickere Einzelschichten als 5 cm. Die Schichtoberflächen (bzw. auch deren Unterseiten) sehen durch unregelmäßige, napfförmige Vertiefungen auf den Steinbruchsohle "pockennarbig" aus. Das nach der Verfestigung entstandene Kluftnetz wird durch den sehr spärlichen Pflanzenwuchs nachgezeichnet, da an den Klüften mehr Wasser als auf den kahlen Flächen zur Verfügung steht. Der gesamte Muschelkalk hatte einst eine Mächtigkeit von ca. 100 Meter.

Kluftnetz in der Steinbruchsohle angeschliffener Kalk
Die Steinbruchsohle mit den Vertiefungen; der Kalk ist im Schliff marmoriert (Bildbreite ca. 10 cm) und zeigt die Spuren von Rutschungen. Hier geht man auf ehemaligem Meeresboden umher!

Es sind die Ablagerungen eines tiefen Meeres, welches nicht durch Lebewesen umgeschichtet wurden und die durch Rutschungen und unterschiedliche Kompaktion dieses Aussehen erhielten. Der Kalk selbst besteht aus den zahllosen und winzigen Hartteilen von marinen Lebewesen, die nach dem Absterben auf den Meeresgrund sanken. Daraus wurde ein schlammiges Sediment, welches mit zunehmender Dicke zusammensackte und entwässert wurde. Mit dem Anwachsen der Kalkschicht wird der Druck in den darunter liegenden Lagen größer und das Gestein wird auch durch Lösung und Wiederausscheiden von Calcit zu einem festen Gestein. Darüberhinaus kann auch Magnesium zu- oder abgeführt werden.
Kalkbrocken im Steinbruch Kalk, angeschliffen und poliert
Der Kalk ist außen unscheinbar Bildbreite ca. 50 cm); im Schliff rechts offenbart sich ein geflecktes Inneres mit den zahlreichen Rissen (Bildbreite ca. 12 cm)

Und wie ging es weiter? Nach dem Ablagern von ca. 100 m Kalk wurden nochmals ca. 700 m Sedimente des Keuper abgelagert; ihm folgten die Meeressedimente des Juras. Ob diese jedoch auch im Spessart je vorhanden waren, weiß man nicht, da keine Reste mehr davon zu finde sind. Während des Kreidemeeres war der Spessart bereits sicher eine Abtragungsgebiet.

Die höheren und damit jüngeren Schichten des Muschelkalkes sind hier wegerodiert worden und lassen sich nur noch auf der von hier aus im Osten sichtbaren (bei schönem Wetter) Wand des Kalmut bei Homburg studieren.

Das kleine und heute isolierte im Spessart liegende Vorkommen belegt, dass die Sedimente des Muschelkalkes einst eine größere Verbreitung hatte, als man sie heute noch finden kann. Infolge der ostwärts geneigten Verkippung des Spessarts wurden sie zuerst im Westen wegerodiert, so dass die Ausdehnung nach Westen - bis nach Aschaffenburg? - nur vermutet werden kann.
 
 

Fossilien:
Der Beweis sind die wenigen Fossilien aus Brachiopoden, Schnecken und Seeigelstacheln. Es handelt sich um Steinkerne, bei denen die harte Schale weggelöst wurde und das Sediment im Innern die Form überliefert hat. Sie sind zudem schlecht erhalten und meist verdrückt. Diese fossilen Überreste sind nicht sammelwürdig und infolge des seit langem ruhenden Abbaues sind kaum mehr Funde möglich, da die Fossilien in diesen Schichten des Muschelkalkes selten und die Flächen weitgehend abgesucht sind.

Brachiopodenabdrücke Steinkerne von Brachiopoden
Brachiopoden (?) als Schalenabdrücke (links ca. 14 cm breit), rechts Steinkerne ca. 7 cm breit

Schill-Lage aus Steinkernen
Lage aus einem Schnecken- und Muschelschill mit Seeigelstacheln bestehend aus Steinkernen.
Die eigentlichen Schalen wurden weggelöst, so dass nur noch die Sedimentfüllungen erhalten
sind (Bildbreite ca. 20 cm).
 

Homburg:
In Homburg steht auf einem Kalkfelsen ein kleines Schloss. Dieser Kalkfelsen ist eine Bildung aus rezentem Süßwasserkalk, wie man unterhalb des weithin sichtbaren Bauwerkes sehen kann (am besten von der Mainseite aus). Im Innern des Felsens befindet sich auch eine Grotte mit Tropfsteinen, ausgebaut zu einer Kapelle (durch eine Treppe neben dem Schloss zugänglich).
Das Wasser einer Quelle führt größere Mengen an gelösten Calcium ("Kalk"), der sich dann beim Kontakt mit der Atmosphäre unter Hilfe von Pflanzen (wie Algen, Moose, aber wohl auch Bakterien) abscheidet. Dieser über Jahrtausende zu verfolgende Vorgang bildet dann diesen wachsenden Felsen. Das Überkragen der Bildungszone führt zur Entstehung von Hohlräumen, die dann zu Tropfsteinhöhlen werden können. Das spätere Durchsickern mit Wasser und die fortwährende Abscheidung von Kalk führt dann zur Bildung des bekannten Gesteins Travertin (aus anderen Orten wird dieser zu Platten gesägt und wegen der hübschen Bänderung an Fassaden montiert).

Ort Homburg mit dem Felsen und dem Schloss
Blick vom Kalmut auf den Ort Homburg mit dem Main
und dem Schloss auf dem markanten Felsen

Der Vorgang der reztenten Kalkabscheidung ist noch zu sehen, da man auf der Nordseite das kalkhaltige Wasser über einen wachsenden, runden, durch Bewuchs grünlichen Felsen laufen lässt.

Im Weinberg des Hombuger Kallmuth ist ein phantastischer Aufschluss des Grenzgelbkalkes zu sehen.
 

Literatur:
GEYER, G. (2002): Geologie von Unterfranken und angrenzenden Regionen.- Fränkische Landschaft Arbeiten zur Geolgraphie von Franken Band 2, 588 S., 234 Abb., 5 Tab., 1 Geologische Karte lose im Anhang, [Klett-Perthes] Gotha.
LORENZ, J. mit Beiträgen von M. OKRUSCH, G. GEYER, J. JUNG, G. HIMMELSBACH & C. DIETL (2010): Spessartsteine. Spessartin, Spessartit und Buntsandstein – eine umfassende Geologie und Mineralogie des Spessarts. Geographische, geologische, petrographische, mineralogische und bergbaukundliche Einsichten in ein deutsches Mittelgebirge.- s. S. 123ff, 628.
MATTHES, S. & OKRUSCH, M. (1965): Spessart.- Sammlung Geologischer Führer Band 44, S. 171 f, Berlin.
OKRUSCH, M., GEYER, G. & LORENZ, J. (2011): Spessart. Geologische Entwicklung und Struktur, Gesteine und Minerale.- 2. Aufl., Sammlung Geologischer Führer Band 106, VIII, 368 Seiten, 103 größtenteils farbige Abbildungen, 2 farbige geologische Karten (43 x 30 cm) [Gebrüder Borntraeger] Stuttgart.
SCHWARZMEIER, J. (1980): Geologische Karte von Bayern 1:25000 Erläuterungen zu Blatt Nr. 6023 Lohr a. Main.- 159 S., 23 Abb., 5 Tab., 6 Beilagen, 1 Karte, Bayerisches Geologisches Landesamt München.


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