von Joachim Lorenz, Karlstein a. Main
Am südöstlichsten Zipfel des Spessarts liegt als kahle Höhe der unscheinbare Bocksberg.
Der Bocksberg bei Unterwittbach
Hier wurde in einem weitläufigen und sehr flachen Steinbruch Kalk
abgebaut.
Einer der wenigen noch sichtbaren Felsen von ca. 2 m Höhe
Geologie:
Bei dem grauen, bröckeligen Kalk handelt es sich um ein Sediment des
Muschelkalkmeeres, welches vor ca. 240 bis 232 Millionen Jahren hier über
dem Spessart lag.
Es überflutete nach der Ablagerung des Buntsandsteines weite Teile
des heutigen Deutschlands. Die Ablagerungen beginnen über den obersten
(jüngsten) Schichten des Buntsandsteins mit einer auffälligen, gelblichen,
harten Lage aus Kalk ("Grenzgelbkalk", die man nicht im Steinbruch selbst,
sondern nur auf den umliegenden Feldern als Lesesteine finden kann). Darauf
folgen dünne, merkwürdig wellig aussehende Schichten des Unteren
Wellenkalkes (treffender Name!). Diese sondern sehr leicht plattig ab und
bilden kam dickere Einzelschichten als 5 cm. Die Schichtoberflächen (bzw.
auch deren Unterseiten) sehen durch unregelmäßige, napfförmige
Vertiefungen auf den Steinbruchsohle "pockennarbig" aus. Das nach der Verfestigung
entstandene Kluftnetz wird durch den sehr spärlichen Pflanzenwuchs nachgezeichnet,
da an den Klüften mehr Wasser als auf den kahlen Flächen zur Verfügung
steht. Der gesamte Muschelkalk hatte einst eine Mächtigkeit von ca.
100 Meter.
Die Steinbruchsohle mit den Vertiefungen; der Kalk ist im Schliff marmoriert
(Bildbreite ca. 10 cm) und zeigt die Spuren von Rutschungen. Hier geht man
auf ehemaligem Meeresboden umher!
Es sind die Ablagerungen eines tiefen Meeres, welches nicht durch Lebewesen
umgeschichtet wurden und die durch Rutschungen und unterschiedliche Kompaktion
dieses Aussehen erhielten. Der Kalk selbst besteht aus den zahllosen und
winzigen Hartteilen von marinen Lebewesen, die nach dem Absterben auf den
Meeresgrund sanken. Daraus wurde ein schlammiges Sediment, welches mit zunehmender
Dicke zusammensackte und entwässert wurde. Mit dem Anwachsen der Kalkschicht
wird der Druck in den darunter liegenden Lagen größer und das
Gestein wird auch durch Lösung und Wiederausscheiden von Calcit zu einem
festen Gestein. Darüberhinaus kann auch Magnesium zu- oder abgeführt
werden.
Der Kalk ist außen unscheinbar Bildbreite ca. 50 cm); im Schliff
rechts offenbart sich ein geflecktes Inneres mit den zahlreichen Rissen
(Bildbreite ca. 12 cm)
Und wie ging es weiter? Nach dem Ablagern von ca. 100 m Kalk wurden nochmals ca. 700 m Sedimente des Keuper abgelagert; ihm folgten die Meeressedimente des Juras. Ob diese jedoch auch im Spessart je vorhanden waren, weiß man nicht, da keine Reste mehr davon zu finde sind. Während des Kreidemeeres war der Spessart bereits sicher eine Abtragungsgebiet.
Die höheren und damit jüngeren Schichten des Muschelkalkes sind hier wegerodiert worden und lassen sich nur noch auf der von hier aus im Osten sichtbaren (bei schönem Wetter) Wand des Kalmut bei Homburg studieren.
Das kleine und heute isolierte im Spessart liegende Vorkommen belegt, dass
die Sedimente des Muschelkalkes einst eine größere Verbreitung
hatte, als man sie heute noch finden kann. Infolge der ostwärts geneigten
Verkippung des Spessarts wurden sie zuerst im Westen wegerodiert, so dass
die Ausdehnung nach Westen - bis nach Aschaffenburg? - nur vermutet werden
kann.
Fossilien:
Der Beweis sind die wenigen Fossilien aus Brachiopoden, Schnecken und Seeigelstacheln.
Es handelt sich um Steinkerne, bei denen die harte Schale weggelöst
wurde und das Sediment im Innern die Form überliefert hat. Sie sind
zudem schlecht erhalten und meist verdrückt. Diese fossilen Überreste
sind nicht sammelwürdig und infolge des seit langem ruhenden Abbaues
sind kaum mehr Funde möglich, da die Fossilien in diesen Schichten
des Muschelkalkes selten und die Flächen weitgehend abgesucht sind.
Brachiopoden (?) als Schalenabdrücke (links ca. 14 cm breit), rechts
Steinkerne ca. 7 cm breit
Lage aus einem Schnecken- und Muschelschill mit Seeigelstacheln bestehend
aus Steinkernen.
Die eigentlichen Schalen wurden weggelöst, so dass nur noch die Sedimentfüllungen
erhalten
sind (Bildbreite ca. 20 cm).
Homburg:
In Homburg steht auf einem Kalkfelsen ein kleines Schloss. Dieser Kalkfelsen
ist eine Bildung aus rezentem Süßwasserkalk, wie man unterhalb
des weithin sichtbaren Bauwerkes sehen kann (am besten von der Mainseite
aus). Im Innern des Felsens befindet sich auch eine Grotte mit Tropfsteinen,
ausgebaut zu einer Kapelle (durch eine Treppe neben dem Schloss zugänglich).
Das Wasser einer Quelle führt größere Mengen an gelösten
Calcium ("Kalk"), der sich dann beim Kontakt mit der Atmosphäre unter
Hilfe von Pflanzen (wie Algen, Moose, aber wohl auch Bakterien) abscheidet.
Dieser über Jahrtausende zu verfolgende Vorgang bildet dann diesen wachsenden
Felsen. Das Überkragen der Bildungszone führt zur Entstehung von
Hohlräumen, die dann zu Tropfsteinhöhlen werden können. Das
spätere Durchsickern mit Wasser und die fortwährende Abscheidung
von Kalk führt dann zur Bildung des bekannten Gesteins Travertin (aus
anderen Orten wird dieser zu Platten gesägt und wegen der hübschen
Bänderung an Fassaden montiert).
Blick vom Kalmut auf den Ort Homburg mit dem Main
und dem Schloss auf dem markanten Felsen
Der Vorgang der reztenten Kalkabscheidung ist noch zu sehen, da man auf der Nordseite das kalkhaltige Wasser über einen wachsenden, runden, durch Bewuchs grünlichen Felsen laufen lässt.
Im Weinberg des Hombuger Kallmuth ist ein phantastischer Aufschluss des
Grenzgelbkalkes zu sehen.
Literatur:
GEYER, G. (2002): Geologie von Unterfranken und angrenzenden Regionen.-
Fränkische Landschaft Arbeiten zur Geolgraphie von Franken Band 2,
588 S., 234 Abb., 5 Tab., 1 Geologische Karte lose im Anhang, [Klett-Perthes]
Gotha.
LORENZ, J. mit Beiträgen von M. OKRUSCH, G. GEYER, J. JUNG,
G. HIMMELSBACH & C. DIETL (2010): Spessartsteine.
Spessartin, Spessartit und Buntsandstein – eine umfassende Geologie
und Mineralogie des Spessarts. Geographische, geologische, petrographische,
mineralogische und bergbaukundliche Einsichten in ein deutsches
Mittelgebirge.- s. S. 123ff, 628.
MATTHES, S. & OKRUSCH, M. (1965): Spessart.- Sammlung Geologischer
Führer Band 44, S. 171 f, Berlin.
OKRUSCH, M., GEYER, G. & LORENZ, J. (2011): Spessart.
Geologische Entwicklung und Struktur, Gesteine und Minerale.- 2. Aufl.,
Sammlung Geologischer Führer Band 106, VIII, 368 Seiten, 103
größtenteils farbige Abbildungen, 2 farbige geologische Karten
(43 x 30 cm) [Gebrüder Borntraeger] Stuttgart.
SCHWARZMEIER, J. (1980): Geologische Karte von Bayern 1:25000 Erläuterungen
zu Blatt Nr. 6023 Lohr a. Main.- 159 S., 23 Abb., 5 Tab., 6 Beilagen, 1 Karte,
Bayerisches Geologisches Landesamt München.
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