von Joachim Lorenz, Karlstein a. Main
Ein Teil der Tagesanlagen des kleinen Bergwerkes
Weltweite Verwendung findet der "Bleistiftton" aus Klingenberg, der untertägig heute noch abgebaut wird. Das Vorkommen ist seit langem bekannt und auch berümt wegen des daraus erwirtschafteten „Bürgergeldes“ bei gleichzeitiger Steuerfreiheit für die Bürger Klingenberges (SCHOBER 1905:131f). Als Besonderheit konnte der Autor 1993 und 2010 eine Befahrung dort unternehmen. Das Bergwerk wurde am 16.12.2011 geschlossen (SCHREINER 2011).
Hinweis:
Es handelt sich nicht um ein Besucherbergwerk, denn die Untertageanlagen
sind so eng und klein dass allenfalls wenige Personen dort laufen können.
Nach einer Befahrung besitzt man die Farbe des Tones.
Lage:
Das Gelände der Tongrube liegt in einer Talsenke, welches der Erosionsrest
eines ehemaligen Stillwasserabsatzes darstellt. Die Anlagen finden sich
zu beiden Seiten der Straße von Klingenberg nach Schmachtenberg (TK
1:25.000 Blatt 6221 Miltenberg R 1480 H 1640, siehe Okrusch et al. 2011
S. 131, 231, Aufschluss Nr. 151).
Einen kleinen Einblick in die Bergbauwelt des Tonbergbaues mit zwei verschieden
alten, nachgebauten Strecken, samt Schaubilder und der aus dem Ton hergestellten
Produkte gibt das Heimatmuseum in Klingenberg. Hier sind auch Bilder ausgestellt,
welche einen Einblick in die Historie des Tonabbaues geben.
Geologie:
Die Klingenberger und Schippacher Tone zählen qualitätiv in
ihrer Art zu den besten der Welt. Ihre hervorragenden technischen Eigenschaften
beruhen auf mehreren Faktoren: Die Tone sind hochplastisch, homogen und
gleichmäßig feinkörnig mit einem Kornanteil <2 µm
von 85-98 Gew.-%. Die mineralogische Analyse der Klingenberger Tone ergibt
ca. 61 % Kaolinit,
4 % Montmorillonit,
10 % Muskovit und
25 % Quarz und Feldspat.
Durch den hohen Kaolinit-Gehalt erreicht man Seeger-Kegel-Werte von 32-33.
Die chem. Analyse ergibt etwa folgende Zusammensetzung (getrocknete Substanz):
| Bestandteil: | Gew.-%: |
| SiO2 | 49,0-54 |
| Al2O3 + TiO2 | 29,9-33,3 |
| Fe2O3 | 1,8-6,1 |
| MgO | 0,01-1,4 |
| CaO | 0,07-0,8 |
| Na2O+K2O | 0,4-2,4 |
| Glühverlust | ca. 10 |
Die dunklen Bleistifttone enthalten 0,17 - 0,34 % organischen Kohlenstoff
(Angaben nach DOBNER (1984:477).
Befahrungsbericht:
Nach einem Telefonat mit Herrn Werner FELICITTI hatte ich am 18.06.1993
die Möglichkeit, das Bergwerk zu befahren. Zur Zeit arbeiten 9 Personen
im Betrieb, der eigenbilanzierend der Stadt Klingenberg gehört. Ich
wurde von Herrn HERBERICH geführt, der schon seit 34 Jahren dem Betrieb
angehört. Er erzählte mir die Geschichte und die Technik des Abbaues
- im Prinzip das, was auch schon Herr FREYMANN ausgeführt hatte. Die
sicher beste Beschreibung der Tongrube und des Abbaues schrieb der Betriebsleiter
EHRT (2008).
Die Übertageanlagen bestehen auch einem hölzernen Silohaus mit
einer Sortieranlage im Obergeschoß, einem kleinen Büroanbau
an dem Gebäude, wo Schnitzelwerk, Trocknung, Mahlung und Absackung
vorgenommen wird. In der Senke über dem Tonvorkommen befindet sich
ein Schuppen mit Grubenholz - aus den umliegenden, städtischen Wäldern.
Weithin hörbar erzeugt neben dem Mundloch ein Kompressor die notwendige
Druckluft.
Auf einem Bohlenweg geht es zum Blindschacht im Buntsandstein, der hier
wegen der besseren Standfestigkeit aufgefahren wurde. Die Senke, verursacht
durch den absackenden Ton, ist mit einem schilfumstandenen Weiher gefüllt.
Er beherbergt neben Fröschen und Kröten auch eine interessante
Flora; eine große Ringelnatter quert unseren Weg.
Ein Mann bedient dem Förderkorb für Personal (4 Mann) und die
Loren, welche auf Schienen von Hand geschoben werden. Im Bedienstand wohnen
3-4 Siebenschläfer, die hier auch mit Obst gefüttert werden. Die
Förderung liegt zur Zeit bei ca. 250 bis 300 t/Monat.
Wir fahren mit 2 m/sec ein, sehen das Gegengewicht vorbeihuschen und im
Hintergrund die Al-Fahrten für den Notfall, daß die Fördermaschine
nicht funktionieren sollte. Im Sandstein sickert Wasser ein, so daß
es dort tröpfelt. An den Wänden dokumentieren weiße bis
braune Sinterschichten den Kalkgehalt des Wassers. Kleine Stalagtiten erreichen
5 cm Länge bei 5 mm Durchmesser, Stalagmiten 10 cm bei 3 cm Dicke. Das
Wasser wird aus einem Sumpf mittels 2er, wechselseitig laufenden Pumpen
gesümpft.
Die 60m-Sohle dient nur der Bewetterung wie auch als Rettungsstollen.
Wir befahren die 70m-Sohle. Sie ist beginnend im Ton mit Stahltübbings
ausgebaut (röhrenförmig aus je 3 Segmenten im Abstand von ca.
0,5 - 1 m. Als Hinterfütterung wird Stahl verwendet. Weiter im Ton werden
auch Eisenbahnschienen und alte Leitplanken verwendet. Vor Ort findet sich
dann der Ausbau aus Holz, als Türstock mit Holzbalken.
Da der Ton sich unter dem Druck des überlagernden Gebirges plastisch
verhält, schließ sich eine nicht ausgebaute Strecken nach spätestens
8 Wochen. Der Ton dichtet so gut, daß kein Wasser eintritt. Methangas
wird überwacht, stellt aber kein Problem dar. Bei der Gewinnung werden
ständig alte, gut erhaltene Grubenausbaue früherer Perioden angetroffen
und müssen mühsam ausgesondert werden.
Die Gewinnung erfolgt mittels Preßluftspaten. Eine Mechanisierung
konnte bis heute infolge der Haftung des Tones nicht erreicht werden. Die
Gewonnenen, kg-schweren Tonbrocken werden auf Holzrutschen, die angefeuchtet
sind, abschüssig bis zu den Loren gefördert. Die Strecken im Ton
sind nicht beleuchtet. Lediglich eine Wetterlutte und Preßluft wird
vor Ort gebracht.
An vielen Stellen ist der enorme Gebirgsdruck zu sehen. Eingebrochene
Hölzer oder Verbaue - selbst Eisenbahnschienen werden zerbrochen - mit
dahinter hervorquellendem Ton zeugen von den Kräften. Selbst durch kleine
Ritzen oder Spalten drückt sich der Ton als kleine Wurst.
Die Arbeiter beginnen ihre Schicht um 6 Uhr und sie endet um 14.30 Uhr.
Die aus dem Schacht kommenden Loren werden um 180° gedreht, um sie
auszukippen. Ein Förderband fördert nach Qualität in 2 Silos,
von wo aus sie in die Aufbereitung der Übertageanlagen gefahren werden.
Dort wird der Ton gehobelt oder besser geschnitzelt. Anschließend
folgt die Trocknung der 3 bis 15 mm großen Teile in einem Drehrohrofen,
der ölbefeuert ist. Ein Teil wird anschließend abgesackt, der
andere gemahlen und anschließend ebenfalls in Papier- oder Jutesäcke
gefüllt. Sie werden mit einen speziellen Nähmaschine zugenäht.
Die besten Qualitäten des fast schwarzen Tons gehen in alle Länder
der Welt, da es nahezu kein Konkurrenzprodukt für die Bleistiftherstellung
gibt. Die hellen Tone werden der Keramischen Industrie zugeführt, die
daraus Tiegel, Isolatoren usw. herstellt.
Klingenberg
Klingenberg liegt am Main zwischen Aschaffenburg und Miltenberg und war
früher sehr viel mehr von Hochwässern des Maines betroffen wie
heute (auch wenn die Medien etwas anderes berichten). In der Stadt findet
man eine eindrucksvolle Hochwassermarke des Jahres 1784 - einfach kaum vorstellbar,
wenn sich dieses Hochwasser heute wiederholen würde:
Hochwassermarke am rechten Bildrand in der Mitte zwischen den Scheiben
des Hauses, rechts vergrößert. Sie erinnern sich: In Island
brach im Juni 1783 die Lakispalte aus und spie über 12 km³ Lava.
Die Gase gelangten als Höhenrauch bis nach Mitteleuropa. Der Winter
1783/84 war einer der "großen Winter" mit strengem Frost und viel Schnee.
Im Frühjahr 1784 kam plötzliches Tauwetter und ein Jahrhunderthochwasser
war die Folge.
Auch wenn das Tonbergwerk für Besucher nicht zugänglich ist,
kann man doch einen Eindruck bekommen, wenn man das Heimatmuseum (oben
im Bild) in Klingenberg besucht. Hier ist ein Stollen mit einer alten und
moderenen Abbaustelle nachgebaut worden. In dem Vorraum sind Produkte ausgestellt,
die aus dem Ton hergestellt werden.
Ausstellungsräume im Museum in Klingenberg, links Tonprodukte und
rechts ein typischer Stollen.
Weiter sehen Sie in dem Museum Ausstellungen zut lokalen Geschichte,
Weinbau, Geschäfte, Handwerk, Transport aus dem Main, Landwirtschaft,
... insgesamt ein sehr sehenswertes. liebevoll gestaltetes Museum.
Neben dem Ton ist der Buntsandstein tonagebend in Kingenberg. Hier wächst
der Wein und es gibt schöne, höhenparallele Weinbergwege mit schöner
Aussicht auf das Maintal.
Weinbergweg nördlich von Klingenberg mit einer Stützmauer aus
Sandstein.
Das Zentrum von Klingenberg mit der Burg, dem Main, den steilen Weinbergen
im Sandstein, aufgenommen im Oktober 2007.
Die Seltenbachschlucht
östlich von Klingenberg
Mit einem Festakt wurde am 20.05.2011 das 90. der 100 schönsten Geotope
in Bayern eingeweiht. Es handelt sich um die Felsen der Seltenbachschlucht
(siehe Okrusch et al. 2011 S. 232, Aufschluss 153) östlich von Klingenberg,
zwischen dem Ortsrand und dem Tonwerk. In der Schlucht erläutert eine
Tafel die Besonderheiten; zu dem Geotop gibt es ein Faltblatt mit dem Titel
"Wüstensand ?". Leider ist das Parken an den Zugängen etwas eingeschränkt.
Die Seltenbachschlucht bei der Einweihung
Die neu enthüllte Tafel mit den Erläuterungen
Der 1. Bürgermeister Reinhard Simon von Klingenberg spricht zu den
Festgästen, rechts daneben Herr Dr. Roland Eichhorn vom Bayerischen Landesamt
für Umwelt und Geologie, re. daneben der Landrat des Kreises Miltenberg
Herr Roland Schwing, und Dr. Oliver Kaiser vom Naturpark Spessart e. V. am
20.05.2011.
Schöner aufgeschlossen ist der Mittlere Buntsandstein an der Autobahn
A3 bei Bischbrunn, beiderseits der Haseltalbrücke
- aber auch schwerer oder nach Fertigstellung der Autobahn garnicht mehr
zugänglich.
Literatur:
Autorenkollektiv (1936): Die nutzbaren Mineralien, Gesteine und Erden
Bayerns.- II Band Franken, Oberpfalz und Schwaben nördlich der Donau,
509 S., [Verl. R. Oldenbourg und Piloty & Loehle] München.
DOBNER, A. (1984) in WEINIG, H., DOBNER, A., LAGALLY, U., STEPHAN, W.,
STREIT, R. & WEINELT, W.: Oberflächennahe mineralische Rohstoffe
von Bayern Lagerstätten und Hauptverbreitungsgebiete der Steine und
Erden.- Geologica Bavarica 86, 563 S., [Bayerisches Geologisches
Landesamt] München.
DOBNER, A. (1987): Tertiäre Tone bei Klingenberg.- Geologica Bavarica
91, Der Bergbau in Bayern, S. 130 - 134, München.
EHRT, E. (2007): Das Tonbergwerk Klingenberg am Main.- Spessart Monatszeitschrift
für die Kulturlandschaft Spessart 101. Jahrgang, Heft Dezember
12/2007, S. 17 - 24, 12 Abb., [Main-Echo GmbH & Co KG] Aschaffenburg.
FRANKE, H., BERNINGER, G. & SCHOCH, E. (1992): 250 Jahre Tonbergwerk
Klingenberg a. Main.- 52 S., Klingenberg.
LORENZ, J. (2007): Ton - schmutzig, aber ein tolles Zeug.- Noblesse,
Ausgabe 03/2007, S. 86 – 87, 10 Abb., [Media-Line@Service] Aschaffenburg.
LORENZ, J. mit Beiträgen von M. OKRUSCH, G. GEYER, J. JUNG,
G. HIMMELSBACH & C. DIETL (2010): Spessartsteine.
Spessartin, Spessartit und Buntsandstein – eine umfassende Geologie
und Mineralogie des Spessarts. Geographische, geologische, petrographische,
mineralogische und bergbaukundliche Einsichten in ein deutsches
Mittelgebirge.- s. S. 765ff.
MATTHES, S. & OKRUSCH, M. (1965): Spessart.- Sammlung Geologischer
Führer Band 44, S. 160 - 161, Berlin.
MELZER, D. & EHRT, E. (2002): Der Ton von Klingenberg am Main – eine
Besonderheit der bildsamen Silicatrohstoffe.- Keramische Zeitschrift 54,
Heft 11 (November), S- 952 – 955, 8 Bilder, [Verlag Schmidt GmbH] Freiburg.
OKRUSCH, M., GEYER, G. & LORENZ, J. (2011): Spessart.
Geologische Entwicklung und Struktur, Gesteine und Minerale.- 2. Aufl.,
Sammlung Geologischer Führer Band 106, VIII, 368 Seiten, 103
größtenteils farbige Abbildungen, 2 farbige geologische Karten
(43 x 30 cm) [Gebrüder Borntraeger] Stuttgart.
PFISTER, P. (1976): Tonbergwerk der Stadt Klingenberg und seine Geschichte.-
S. S. 198 - 253, 4 Abb., in 700 Jahre Stadt Klingenberg Beiträge zur
gechichtlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt Klingenberg
am Main, 472 S., [Hch. Bigemer Buchdruck - Offset] Obernburg.
RAACK, W., SCHORN, P. & SCHRÖDTER, E. [Hrsg.] (1962): Jahrbuch
des deutschen Bergbaus.- Das Handbuch für Bergbau und Energiewirtschaft
70. Erscheinungsjahr, 55, 1280 S., [Verl. Glückauf GmbH]
Essen.
SCHOBER, J. (1905): Führer durch den Spessart, Kahlgrund und das
Maintal.- 233 S., mit Illustrationen, Spezial- u. Routenkarten, 4. Aufl.
[Verlag der Krebs´schen Buchhandlung] Aschaffenburg.
SCHREINER, J. (2011): Ein letztes Glückauf in 70 Metern Tiefe.- Main-Echo
vom 8. Dezember 2011, S. 23, 11 Abb.,
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