Gelber Cancrinit aus Alluaiv, Lovozero, Kola, Russland, Bildbreite 4 cm |
Gelblicher Cancrinit von Dara-i-Pioz, Tadsikistan, Bildbreite 4 cm |
Gelblicher Cancrinit, gefunden bei Dmitrievka, Ukraine, Bildbreite 4cm |
Bläulicher Cancrinit ("Hydro-Cancrinite") von Alluaiv, Lovozero, Kola, Russland, Bildbreite 2cm |
Gelblicher Cancrinit aus einem Pegmatit von der Fundstelle von Kurotschkin Log bei Vishnevogorsk, Ural, Russland, Bildbreite 6 cm, Sammlung Matthias Sehrig, Plauen |
Pseudomorphose von grauem Cancrinit nach Nephelin, aus der Fundstelle von Kurotschkin Log bei Vishnevogorsk, Ural, Russland, Bildbreite 11cm, Sammlung Matthias Sehrig, Plauen |
Cancrinit gehört zu einer Gruppe von Mineralien:
Cancrisilit
Cancrinit
Vishnevit
Hydroxycancrinit
Depmeierit
Kyanoxalit
Das seltene Mineral Cancrinit (englisch Cancrinite) wurde nach
dem russischen Finanzminister Georg Cancrin, Sohn von Franz Ludwig Cancrin
aus Bieber, benannt. Die Erstfundstelle liegt im südlichen Ural,
wo es während einer Expedition deutscher Wissenschaftler unter Führung
von Alexander von Humboldt gefunden und später von Gustav Rose beschrieben
wurde. Georg Cancrin verdanken wir auch den Sieg der Russen über Napoleon
und die berühmten Platin-Rubel.
Cancrinit stellt als primäres Mineral einen wichtigen Bestandteil
in einigen Alkaligesteineni, in Pegmatiten in CO2-reichen
Nephelin-Syenitenii dar und bildet sich sekundär als Alterationsproduktiii
von Nephelin. Es entsteht bei ungewöhnlich hohen CO2-Partialdrucken
in unterkieselten alkalinen Schmelzen, wo er Nephelin ersetzt oder pseudomorphisiertiv.
Umgekehrt wandelt sich Cancrinit an der Erdoberfläche und unter
feuchten Klimaten in Zeolithen und Calcit um. Unter Laborbedingungen
ist Cancrinit bereits um 1922 synthetisch erzeugt worden. Gewöhnlich
tritt das Mineral in derber Form als Bestandteil von Gesteinen auf. In
Pegmatitenvi können auch mehr als 20 cm große Stücke gefunden
werden. Kristalle bis zu einer Größe von 2 cm sind schon selten.
Cancrinit hat als mineralischer Rohstoff derzeit keinerlei ökonomische
Bedeutung. Begleltmineralien können sein: Nephelinvii, Sodalith,
Natrolith, Kalifeldspat, (Orthoklas oder Mikroklin), Ägrinaugit,
Monitcellit, Analcim, titanhaltiger Andradit, ...
Cancrinit kann gesteinsbildend auftreten und damit an einzelnen Vorkommen
in sehr großen Mengen gefunden werden. Trotzdem ist dieses Mineral
als selten zu bezeichnen und fehlt deshalb in den einfachen Bestimmungsbüchern,
aber auch in modernen Lehrbüchern der Mineralogie (z. B. Okrusch
& Matthes 2005) oder wird nur erwähnt (Okrusch & Matthes
2009:419). Da größere, frei gewachsene Kristalle nicht vorkommen
wird das Mineral kaum gesammelt und am Mineralienmarkt und auch auf
Mineralienbörsen nur selten angeboten.
Als Ausstellungsstück findet man Cancrinit nur in größeren
Sammlungen und Museen, so z. B. im Naturwissenschaftlichen Museum
in Aschaffenburg und im Mineralogischen Museum der Universität
Würzburg im Universitätsgelände am Hubland.
Graf Georg Cancrin (auch Jegor Franzewitsch
Kankrin)
Georg Ludwig Daniel Cancrin wurde am 27.11.1774 als Sohn
von Franz Ludwig Cancrin und Maria Louisa Phillipa Cancrin (geb. Kroeberin)
in Hanau geboren (Wellenkamp 1971, Beck 195971ff). Er wuchs in Hanau
bei einer Tante auf und studierte in Gießen und Marburg Staats-
und Rechtswissenschaften, Philosophie und Bauwesen. Während seiner
Urlaube aus Russland nahm Vater Franz Ludwig Einfluss auf die Erziehung
seines Sohnes - Spezialwissen ist ein besseres Fundament als Fürstengunst
und Philosophie.
Da er in Deutschland keine Anstellung fand, ging Georg Cancrin
nach Russland und traf am 26. Mai 1797 in St. Petersburg ein. Die ersten
Jahre in St. Petersburg waren die schwersten seines Lebens. Trotz des
Einflusses seines Vaters bekam er keine Anstellung, auch weil er kein
Russisch sprach (und auch später nie gut beherrschen sollte). So
schlug er sich als Buchhalter, Abschreiber und Lehrer durch. Im Jahre
1800 wurde Georg Cancrin Gehilfe von Vater Franz Ludwig in der Saline
von Staraja-Russa. 1803 wurde er ins Innenministerium nach St. Petersburg
versetzt und beschäftigte sich dort mit der Salzgewinnung in ganz
Russland. Bei den Reisen sah er die Not der Bevölkerung. 1805 wurde
er Staatsrat, 1809 wurde er Inspektor der ausländischen Kolonien
in St. Petersburg, deren Bewohner aus Deutschland, Holland, Frankreich,
England und Italien stammten. Mit der napoleonischen Bedrohung im Geist,
schrieb er das Werk "Fragmente über die Kriegskunst nach Gesichtspunkten
der militärischen Philosophie", welches 1809 veröffentlicht wurde.
Darin empfahl er die Weite (und das Klima) Russlands für die Abwehrstrategie
zu nutzen, aufbauend der These, dass bei einem tiefen Eindringen des Feindes
die Verpflegung immer schwieriger werden würde - der entscheidende
Vorteil für die eigenen Truppen. Der russische General Barclay de Tolly
wandte die Strategie in dem Krieg mit Napoleon an, dessen große Armee
im russischen Winter 1812 wurde die Armee tatsächlich vollständig
aufgerieben. Schon 1811 war Cancrin zum Assistenten des General-Proviantmeisters
im Kriegsministerium ernannt worden; 1815 wurde er in Paris zum General
befördert. 1816 heiratete Georg Cancrin Ekanterina Zacharowna
Murav´eva, eine Verwandte des Generals Barclay de Trolley und Nichte
von Alexander I. Seine Söhne wurden evangelisch-reformiert, die Töchter
orthodox getauft.
1818 veröffentlichte er eine Schrift zur wirtschaftlichen
Situation der Bauernschaft in Russland, die zu einem großen Teil
aus Leibeigenen bestand. 1821 kam ein neues Buch hinzu: "Weltreichtum,
Nationalreichtum und Staatswirtschaft". Darin beschrieb er die merkantile
Situation in Europa in Wechselwirkung mit Russland - ein Regierungsprogramm.
Daraufhin entschied Zar Alexander I., Cancrin an Ostern 1823 zum Finanzminister
zu bestellen. Cancrin schränkte die Staatsausgaben ein und ließ
die wertlosen Papierrubel gegen Silberrubel mit entsprechender Deckung
tauschen (es gab keine Münzeinheit und 3 verschiedene Kurse). Als
Finanzminister gab er der Wirtschaft Schutz und Ordnung, förderte
den Bergbau, gründete Fabriken und in St. Petersburg eine Schule
zur Ausbildung von Ingenieuren. In der Folgezeit verfasste er ein dreibändiges
Werk zur Militärökonomie („Über die Militär- Ökonomie
im Frieden und Krieg“, 3 Bände, 1834 ff), und später noch
„Die Ökonomie der menschlichen Gesellschaft und das Finanzwesen“
(1845).
Im September 1843 besuchte Cancrin auf dem Weg nach Paris mit
seiner Frau zum letzten Male die Heimat seiner Väter, seinen Geburtsort
Hanau und das Kinzigtal. Er wohnte dazu im Gasthof „Zum Riesen“ in Hanau
und ließ sich, weil er Sehnsucht nach einer Stätte seiner
frühen Kindheit hatte, nach Wilhelmsbad fahren (Siebert 1919:20f).
Ein so korrekter Finanzminister wie Georg Cancrin schuf sich
Feinde, insbesondere als er die Korruption bekämpfen ließ.
Unter seiner Amtszeit wuchsen fähige Beamten heran, die durch eine
bessere Besoldung weniger anfällig für Bestechungen waren.
Nach 21 Jahren als Finanzminister ging Georg Cancrin 1844 in den ersehnten
Ruhestand, während seiner Amtszeit diente er drei verschiedenen
Zaren. Er verstarb am 9. September 1845 im Petersburger Vorort
Pawlowsk.
Seine Reisetagebücher (1840 - 1845) hat sein Schwiegersohn,
Alexander Graf Keyserling, Gelehrter und Kurator der Universität
von Dorpat, 1865 herausgegeben (Keyserling 1865).
Das Platin:
1822 fand man im Ural größere Mengen des elementaren Metalles
Platin als natürliche Legierung mit einem ca. 70 - 85 % Platin,
Eisen, Kupfer und den anderen Platingruppenelementen Palladium, Rhodium,
Iridium und Osmium (Bachmann & Renner 1984). Aufgrund ihrer hohen
Dichte, ihrer mechanischen Festigkeit und ihrer Widerstandsfähigkeit
gegen chemische Verwitterung wurde diese Edelmetall-Legierung beim Flusstransport
in Form von Sand, Grieß und größeren Nugget zu sekundären
Seifen-Lagerstätten angereichert. Eine Gewinnung dieses Seifenplatins
war viel weniger aufwändig und daher kostengünstiger als der
bergbauliche Abbau der Primärlagerstätten. Infolge des sehr hohen
Schmelzpunktes von ca. 1.770 °C von reinem Platin konnten diese Platinmetalle
nur schwer raffiniert und mit den damaligen Techniken in Russland nicht
geschmolzen werden.
Der als sehr sparsame geltende Cancrin wandte sich 1827 an Alexander
von Humboldt mit der Frage, ob man eine Platinwährung einführen
könne. Humboldt führte stichhaltige Argumente dagegen an und
riet ab; man hatte dies vorher bereits in Kolumbien erfolglos versucht.
Da Cancrin von der Idee beseelt war, wurden trotzdem die Münzen geprägt
und versuchsweise eingeführt als eine Art "Luxuswährung" ohne
eine Verpflichtung diese zu akzeptieren. 1828 wurden in der Münze
in St. Petersburg unter der Schirmherrschaft von Zar Niklolaus I. Platinrubel
mit einem Gewicht von 10,36 g zum Wert von 3 Rubeln geprägt, 1829
folgten die 6-Rubel-Münzen (20,71 g) und 1830 die Münzen mit
einem Nennwert von 12 Rubeln (41,43 g).
Münze zu 3 Rubel von 1842 aus dem russichen Platin
Die Akzeptanz in der russischen Bevölkerung für das graue Münzmetall
war allerdings sehr gering. Es dauerte nicht lange, bis der Münzwert
und der Metallwert erheblich differierten, so dass man 1845 die Herstellung
einstellte. Die Herstellung dieser Münzen war eine absolute
Novität (Bachmann & Renner 1984). Da man das Platin damals nicht
schmelzen konnte, löste man es in Königswasser auf. Diese Lösung
enthält dann Hexachloroplatinat, das mittels Ammoniak in Ammonium-Hexachloroplatinat
überführt wurde. Nach dem Eindampfen erhielt man einen metallischen
Platinschwamm, der mittels großer Pressen zu den Ronden für
die Münzen gepresst bzw. gewalzt wurde. Aus diesem "nass" hergestellten
Metall prägte man dann die Platinmünzen.
Es wurden insgesamt etwa 4,15 Millionen Platin-Rubel als Münzen
geprägt, von denen nach dem Einziehen noch etwa 880.000 Münzen
übrig waren. Diese ca. 11,75 t Platin wurden dann an drei Firmen
verkauft, darunter auch an die Einhorn-Apotheke in Hanau. Hier hatte der
hanauer Apotheker Wilhelm Carl Heraeus (1827 - 1904) ein Verfahren erfunden,
mittels einer (Knallgas-)Flamme aus Wasserstoff und Sauerstoff im kg-Maßstab
Platin zu schmelzen. Damit konnte man das Platin für Bleche und Drähte
sehr einfach umformen. Aus der Einhornapotheke entstand in der Folge das
weltweit operierende Metall- und Chemieunternehmen W. C. Heraeus.
Das spezifische Gewicht liegt bei 20,72 g/cm³, ist also etwa
doppelt so hoch wie das des Bleis! Die Differenz zum reinen Platin mit
21,37 g/cm³ ist eine Folge der winzigen Hohlräume in der Münze,
die beim Verdichten des Platinschwammes nicht ganz geschlossen werden konnten
(Bachmann & Renner 1984).
Da nur sehr wenige dieser Münzen bis in unsere Zeit erhalten
geblieben sind, werden sie nur selten angeboten. Beim Münzen-Auktionshaus
Künker in Osnabrück wurden 2008 3-Rubelmünzen für einige
Tausend €, eine 6-Rubelmünze für 23.000 € versteigert; die ganz
seltene 12-Rubelmünze erbrachte die unglaubliche Summe von 33.000
€! Beim gleichen Auktionshaus wurde eine 12-Rubelmünze aus Platin im
Februar 2012 für 70.000 € versteigert; dazu kommen dann für den
Käufer noch 15 % Aufgeld und darauf dann 7 % Mehrwertsteuer, was dann
86.135 € sind!
Literatur:
BACHMANN, H.-G. & RENNER, H. (1984): Nineteenth Century Platinum
Coins. An early industrial use of poweder Metallurgy.- Platinum Metals
Review Vol. 28, No. 3, p. 126 - 131, 4 figs., 2 tab.
BECK, H. (1959): Graf Georg von Cancrin und Alexander von Humboldt.-
S. 71 - 82, ohne Abb., in Alexander von Humboldt-Kommission der Deutschen
Akademie der Wissenschaften zu Berlin [Hrsg.] (1959): Alexander von
Humboldt 14.9.1769 - 6.5.1859 Gedenkschrift zur 100. Wiederkehr seines
Todes.- [Akademie-Verlag] Berlin.
KEYSERLING, A. Graf [Hrsg.] (1865): Aus den Reisetagebüchern
des Grafen Georg Kankrin, ehemaligen kaiserlich russischen Finanzministers,
aus den Jahren 1840-1845. Theil 1- 415 S, [Eduard Leibrock] Braunschweig.
LORENZ, J. & SCHMITT, R. T. (2009): Cancrinit, das
Mineral aus Russland mit dem Namensgeber aus Hanau bzw. Bieber
im Spessart.- Mitteilungsblatt Zentrum für Regionalgeschichte
34. Jahrgang 2009, S. 37 - 46 (einschließlich
der 4 unpagnierten Farbseiten in der Heftmitte), 17 Abb., Kreisausschuss
des Main-Kinzig-Kreises, Amt für Kultur und Sport, Gelnhausen.
LORENZ, J. A., SCHMITT, R. T. & VÖLKER, A. G. (2011): Count
Georg Cancrin and the history of cancrinite discovery.- Mineralogical
Almanac volume 16, issue 2, p. 24 - 32, 20 figs., [Mineral-Almanac Ltd.]
Moscow*.
OKRUSCH, M. & MATTHES, S. (2005): Mineralogie. Eine Einführung
in die spezielle Mineralogie, Petrologie und Lagerstättenkunde.-
7. Aufl., 526 S., 328 Abb. davon 33 farbig, [Springer Verlag] Berlin,
Heidelberg.
OKRUSCH, M. & MATTHES, S. (2009):
Mineralogie. Eine Einführung in die spezielle Mineralogie, Petrologie
und Lagerstättenkunde.- 8. Aufl., 658 S., 438 Abb. davon 133
farbig, [Springer Verlag] Berlin, Heidelberg.
PEKOV, IGOR V., OLYSYCH, LYUDMILA V., CHUKANOV, NIKITA V., ZUBKOVA, NATALIA
V., PUSHCHAROVSKY, DMITRY YU, VAN, KONSTANTIN, V., GIESTER, GERALD & TILLMANNS,
EKKEHART (2011): Chrystal Chemistry of Cancrinite-Group Minerals with an
AB-Type Framework: A Review and new Data. I. Cemical ans Structural
Variations.- The Canadian Mineralogist Vol. 49, October 2011, Part
5, p. 1.129 - 1.150, 8 figs., 7 tabs., Journal of the Mineralogical Association
of Canada.
SIEBERT, K. (1919): Hanauer Biographien aus drei Jahrhunderten.-
228 S., 93 Abb., Herausgegeben zu seinem 75 jährigen Bestehens vom
Hanauer Geschichtsverein, [Verlag des Hanauer Geschichtsvereins] Hanau.
WELLENKAMP, D. (1971): Der deutsche Bürokrat von Petersburg.
Georg Cancrin rettete Rußlands Staatsfinanzen.- Damals. Zeitschrift
für geschichtliches Wissen 3. Jahrgang, Heft 6 / Juni 1971, S. 547
- 561, 7 Abb., [Damals-Verlag, Mittelhessische Druck- und Verlagsgesellschaft
mbH] Gießen.
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